Von digitalen Wanderpredigern und Enthusiasten

Ein Leben ohne Social Media ist möglich, aber sinnlos. Über Facebook haben wir die beste Freundin aus der 1. Klasse wiedergefunden und die mit zig Farbfiltern überlagerten Fotos und liebevoll mit GIFs, Sinnsprüchen und Stickern übersäten Instagram-Stories ermöglichen es uns, bequem vom Sofa aus und mit dem Handy in der Hand, am Leben unserer Freunde, entfernten Bekannten oder wildfremden Promis teilzuhaben und darüber zu urteilen.

Auch im Geschäftsalltag erleichtern uns die sozialen Netzwerke so einiges. Networking via Linkedin, Xing und Co. gehört heute zum guten Ton. Wir finden interessante Kontakte, preisen unsere Produkte und Dienstleistungen mit Werbeanzeigen an oder verkaufen uns dem zukünftigen Arbeitgeber als perfekte Besetzung für seine ausgeschriebene Stelle. Schlussendlich läuft fast alles über Beziehungen – ob digital oder real – und mit dem nötigen Quäntchen Glück hat es schon mancher auf diesem Weg weit gebracht. Selbstverständlich bleiben solche Erfolgsgeschichten nicht unentdeckt. Unglaubliche Geschichten von digitalen Tellerwäscher-Karrieren und grossen Geschäfts-Coups machen oft die Runde. Kein Wunder, will man sich da eine Scheibe davon abschneiden.

Und weil von nichts nichts kommt, existieren auch online Hardcore-Networker. Viele, die einmal den kurzfristigen und vergänglichen Social-Media-Ruhm in Form von übermässig vielen Klicks und Likes auf einen einzelnen Beitrag genossen haben, bezeichnen sich umgehend als «Online-Marketing-Enthusiasten» oder noch besser «Digital Evangelists». Gewappnet mit dieser nichtssagenden Floskel im Profilbeschrieb, fühlen sich diese selbsternannten Experten dazu berufen und befähigt, in jede Diskussion zu grätschen. Ihre Währungen sind Klicks und Reichweite: Missionarisch beten die digitalen Wanderprediger ihre unglaublichen Erfahrungen, tiefgreifenden Kenntnisse und schier übermenschlichen Fähigkeiten in jeder Kommentarspalte herunter. Enthusiastisch verbreiten sie ungefragt ihre Kunde vom Allheilmittel des richtigen Online- und Social-Media-Marketings, schlagen mit Buzzwords und abenteuerlicher Orthographie um sich und predigen die digitale Erlösung. Sie verbuchen jede noch so kleine ihrer Aktionen als grandiosen, durchschlagenden Erfolg, sind unglaublich agil unterwegs, wahnisinnig «open-minded» und immer «on top of things».

Diese Art des «social selling» ist eine Erfindung aus der Hölle und hat mit dem eigentlichen Begriff nichts zu tun. Teils übereifrig, teils verzweifelt, aber leider meist bis in die Haarspitzen motiviert, lauern die digitalen Enthusiasten inzwischen an jeder Ecke. Kaum wird ein Beitrag veröffentlicht, der auch nur im Entferntesten etwas mit ihren Interessen zu tun hat, hauen sie in die Tasten. Mit ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem Allwissen warten sie darauf, endlich entdeckt zu werden. Kein Problem, für das sie nicht eine Lösung, keine Diskussion, die sie nicht schon einmal geführt und gewonnen hätten. Über ihre Kontakte – bestehend aus anderen «Profis» und vermeintlichen Experten – verbreiten sie ihre Inhalte bis in den letzten Winkel eines jeden sozialen Netzwerks. Nirgends ist man vor ihnen sicher. Mit Kontaktpflege und Networking hat das nicht mehr viel zu tun; mit gesundem Menschenverstand schon gar nicht. Es ist ermüdend und anstrengend. Nur merken das die wenigsten. Da lob ich mir den altmodischen Networking-Anlass: Wird es mir zu bunt, schnapp ich mir mein Weissweinglas, die Züpfe und den Hobelchäs und wandere – eine charmante Entschuldigung murmelnd – einfach weiter zum nächsten Gesprächspartner.

Dieser Text erschien am Samstag, 6. März 2019 als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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