O e blinde Aff findet mal e Banane!

«O e blinde Aff findet mal e Banane!» Mit diesen Worten übergab mir mein Mathematik-Lehrer in der Sekunda die korrigierte Mathe-Probe der Vorwoche. Darauf stand in grossen, roten Lettern die Note: 5.8. Um einen Zahlenverdreher konnte es sich nicht handeln, denn schliesslich kennt unser Notensystem die 6 als höchste Auszeichnung. Etwas verwundert war ich schon, denn normalerweise bewegte ich mich während meiner Zeit am Gymnasium Interlaken in den unteren Gefilden der Notenskala. Zumindest wenn es darum ging, mit Buchstaben zu rechnen und nicht zu schreiben. Ich weiss nicht, ob dieser Satz, der doch zu einigen Lachern im Klassenzimmer führte, nun den Beginn oder das Ende meines Mathematik-Traumas markierte, fest steht jedoch, dass er mich bis zum heutigen Tag begleitet. Wenn ich im Job beispielsweise über Kalkulationen brüte und nicht ganz so schnell vorankomme, echot der blinde Affe durch meine Hirnwindungen und sucht verzweifelt nach Bananen.

Ich bin kein Rechengenie. Problemstellungen, die über den normalen Dreisatz herausgehen, erschrecken mich noch heute mehr als sie sollten. Die Mathematik versetzt mich immer wieder aufs Neue ins Staunen, auch bei einfachsten Rechnungen. Ich erkenne in einem Text auf einen Schlag die meisten Fehler und falschen Wendungen, wenn ich ihn bloss überfliege. Mein Oberstübchen bekundet jedoch fürchterliche Mühe, sich auch nur ansatzweise vorzustellen, wie gross ein bestimmter prozentualer Anteil einer Summe über 10'000 wirklich ist. Ich muss es ausrechnen – zur Sicherheit mit dem Taschenrechner – damit ich es erfassen kann. Das kann mitunter peinlich werden, vor allem in Budgetrunden… Aber wenn ich sehe, wie die halbe Welt, darunter Regierungsvertreter, Politikerinnen, Wirtschaftsbosse und Verbandsvorsteher seit nunmehr über eineinhalb Jahren in regelmässigen Abständen von neuem über exponentielles Wachstum staunen und von schnell ansteigenden Zahlen überrascht werden, bin ich mit meiner Mathematikschwäche in guter Gesellschaft.

Ich habe damals einfach keinen Sinn in Algebra, Analysis und Co. gesehen. Die Mathematik – besser gesagt, meine Unlust darauf – wurde mir zum Verhängnis: Gemeinsam mit der Physik bildete sie ein Tandem, das meine akademische Laufbahn vorzeitig beendete.

Nein, die Pandemie hat nicht dazu geführt, dass meine Liebe zur Mathematik doch noch entflammt wäre. Ich bin mir sehr sicher, dass ich keine Exponentialformel hinkriege. Ich gebe mir heute, im Gegensatz zu meiner Schulzeit, einfach mehr Mühe, sie zu verstehen. Die sagenhafte 5.8, die mir mein Mathematikprof vor über zwanzig Jahren schelmisch grinsend aufs Pult gelegt hat, war übrigens die einzige genügende Note, die ich während meiner Gymerkarriere in diesem Fach abgestaubt habe. Das lag aber nicht an der Lehrerschaft. Ich habe damals einfach keinen Sinn in Algebra, Analysis und Co. gesehen. Die Mathematik – besser gesagt, meine Unlust darauf – wurde mir zum Verhängnis: Gemeinsam mit der Physik bildete sie ein Tandem, das meine akademische Laufbahn vorzeitig beendete. Ich habe das Gymnasium freiwillig, ohne Matura in der Tasche, verlassen. Eine Entscheidung, die ich nicht bereue. Ich bedauere es jedoch ab und zu, dass ich mich damals nicht mehr für diese beiden Fächer begeistern konnte. Von den Lehrmitteln aus dieser Zeit habe ich mich nach wie vor nicht getrennt. Irgendwo tief in mir hege ich wohl die Hoffnung, dass mein blinder Affe doch noch mal seine Augen öffnet und sich all die Bananen, die da rumliegen, schnappt.

Dieser Text erschien am Samstag, 4. September 2021, als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

Irene Thali –  –  schrieb am 04. September 2021 –  –  in läse & schribe | stogle & stürfle

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