Manege frei!

Es ist wieder Wochenende. Spätestens nach Drucklegung der Sonntagspresse ist es an der Zeit für eine neue Vorstellung im glamourösen wöchentlichen Forderungs-Zirkus. Die Kakophonie, die dieses Schauspiel wöchentlich zutage bringt, ist an Absurdität inzwischen kaum mehr zu übertreffen. Jeder dahergelaufene «Tschollihund» fordert heute irgendwas von irgendwem. Erste Adresse für die Forderungen ist der Bundesrat, aber auch Wissenschaftler, Verbände, Arbeitgeberinnen und -nehmer, sie, er, du, ich – die Gesellschaft – wir alle kriegen wöchentlich einen neuen Forderungskatalog übermittelt. Da passt es gut, dass meine Kolumne jeweils auf einen Samstag fällt. Ich habe mich entschieden, jetzt mal selbst eine Nummer zu diesem wöchentlichen Affentheater beizusteuern. Meine Forderungen haben zwar mit den Ursprungsdiskussionen teilweise wenig gemein – aber damit reihe ich mich perfekt den Reigen meiner vielen Vor-Fordernden ein. Fällt also nicht auf. Der Lesbarkeit halber verzichte ich darauf, meine Forderungen nur in Grossbuchstaben wiederzugeben und ich werde sie auch nicht mit mindestens fünf Ausrufezeichen versehen. Denken Sie sich diesen stilistischen Schabernack einfach dazu, wenn sie möchten. Schnallen Sie sich an, jetzt geht es los!

Als erstes und somit am wichtigsten scheint mir die Forderung, dass wir alle, die wir mit einem funktionierenden «Hirni» ausgestattet sind, dieses auch wieder regelmässig korrekt gebrauchen. Denn mit dem Hirn verhält es sich nicht wie mit einem teuren, hübschen Kleidungsstück, das man nur zu besonderen Gelegenheiten aus dem Schrank holt. Es ist vielmehr wie ein Muskel, der regelmässig trainiert werden sollte, damit er seine volle Leistungsfähigkeit entfaltet. Die verstärkte Nutzung unseres Denkapparates würde einen grossen Teil der aktuellen Probleme lösen, davon bin ich überzeugt. Ich fordere, dass wir alle wieder etwas mehr nach- und zu Ende denken, bevor wir die Umwelt mit unseren Ideen und – vor allem – Forderungen beglücken.

Als erstes und somit am wichtigsten scheint mir die Forderung, dass wir alle, die wir mit einem funktionierenden «Hirni» ausgestattet sind, dieses auch wieder regelmässig korrekt gebrauchen.

Kommen wir zur zweiten Forderung: Ich will, dass wir unsere Schubladen entrümpeln! Damit meine ich aber nicht die Schubladen in der Kommode im «Glettizimmer» oder auf dem Estrich. Ich spreche von den Schubladen im Kopf. Linksgrünversiffte Gutmenschen, rechte Nazi-Spacken, Tag, Nacht, schwarz, weiss, öffnen, schliessen: Wenn doch alles so einfach wäre! Ist es aber nicht. Ich fordere, dass wir wieder mehr Zwischentöne zulassen: in unserem Alltag, unseren Ansichten und vor allem in unseren Diskussionen. Dadurch, dass wir unserem Gegenüber einen Stempel aufdrücken, damit er sich leichter in unser Weltbild einsortieren lässt, lösen wir kein Problem.

Und weil aller guten Dinge drei sind, fordere ich: Fyrabebier für alle! Wobei diese Forderung durch die aktuellen Entwicklungen ab Montag tatsächlich realistisch scheint. Wenn wir bis dahin meine ersten zwei Forderungen konsequent umsetzen und uns mit eingeschaltetem Denkapparat, ohne geistige Scheuklappen (dafür mit Mund-Nasenschutz) auf ein «Fyrabebier» in einer Gartenbeiz treffen, gibt es vielleicht doch ein bitzeli Hoffnung für die Zukunft. Es sollte dann einfach bei einer, vielleicht zwei, Stangen bleiben und nicht überborden. Denn zum «d’Bänne d’Flueh us lah» ist es definitiv noch zu früh. In diesem Sinne: Proscht!

Dieser Text erschien am Samstag, 17. April 2021, als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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