Gut gebrüllt, Affe!

Wo anfänglich nur Corona und Klimawandel zu verbalen Entgleisungen und in Worten gefasstem Stuhlgang führten, scheint die Fülle an Themen, die die Menschen garantiert zum Ausrasten bringt, immer grösser zu werden. Das Verhältnis unseres Landes zur Europäischen Union, gendergerechte Sprache, Rassismus, Feminismus, Landwirtschaft, Handynutzung, Benzinpreise – ja sogar das Tagesmenü der Kneipe um die Ecke, bringt einige Menschen binnen kürzester Zeit in Rage. Was folgt, ist ein Schwall an hasserfüllten Botschaften, mehr oder weniger politisch korrekt verpackt, sowie eine Auswahl an abstrusen «Lösungsansätzen», die bei mir nur eine Frage offenlassen: Sollte ich vielleicht künftig zum Frühstück auch Lack saufen, damit ich mithalten kann? Schlecht ist mir ohnehin schon.

Jeder und jedem seine Meinung? Geschenkt. Eine gesunde Portion Egoismus? Hat noch keinem geschadet. Unterschiedliche Ansichten? Das kommt täglich vor und haut mich nicht aus den Socken. Aber die scheinbar allgegenwärtige, wohlstandsverwahrloste, ignorante und zu allem Übel ohrenbetäubend laute Haltung, mit der gewisse Individuen durch die Welt stolzieren, lässt mich verzweifeln. Mir ist noch kein passender Name für diese Spezies eingefallen. Arbeitstitel: «Brüllaffen» (sachdienliche Hinweise sind willkommen). Ich weiss, dass ich einer Primatengattung unrecht tue, wofür ich mich hier auch gleich entschuldigen möchte.

«Brüllaffen» negieren die Konsequenzen der eigenen Aussagen und Handlungen komplett. Jedenfalls, solange «nur» andere diese Konsequenzen tragen müssen. Falls es doch mal einen dieser «Brüllaffen» trifft, so finden sie in Windeseile einen Schuldigen. Egoismus ist für diese Haltung ein zu schwaches Wort. Dummheit, gepaart mit einer ordentlichen Portion Sturheit und einem meterdicken Brett vor dem eigenen Kopf, trifft es da schon eher. Wenn Sie jetzt denken, ich spiele dabei auf die eine oder andere «Seite» der Kampfparteien rund um Corona an: Nein. Leider schiessen die Vertreterinnen der Spezies «Brüllaffen» auch in allen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Diskurses wie Pilze aus dem Boden. Aber nicht zuletzt dank Corona wurde es salonfähig, sich als «Brüllaffe» zu outen.

Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft gespalten ist.

Während «Brüllaffen» früher noch von der Gesellschaft in ihre Schranken gewiesen wurden, überlässt man ihnen heute freudig-erregt jede noch so grosse Bühne. Jeder ihrer gedanklichen Scheisshaufen wird im Scheinwerferlicht als relevante Meinung präsentiert. Dabei müssen sich die «Brüllaffen» nicht für ihren verbalen Dünnpfiff rechtfertigen oder dessen Rechtmässigkeit beweisen. Eine kernige Aussage reicht. Das Selbstvertrauen dieser Spezies ist gefährlich gewachsen, ebenso ihre Lautstärke. Immer mehr Themenbereiche werden von ihnen unterwandert. Sie ersticken jegliche sachliche und vernünftige Diskussion im Keim, indem sie mit ihren Parolen die Umwelt beschallen. Die Medien nennen das dann verniedlichend «Spaltung der Gesellschaft».

Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft gespalten ist. Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Meinungen. Zwischen diesen haben es sich die «Brüllaffen» bequem gemacht. Da sorgen sie mit ihrer ohrenbetäubenden Kakofonie für einen solch schrecklichen Lärm, dass alle, die um sie herumstehen, egal in welchem Abstand, ihr eigenes Wort nicht mehr hören. Ich habe mir vorgenommen, Gegensteuer zu geben. Ich achte vermehrt auf leise Töne – und versuche diese auch anzuschlagen. Nur halt nicht in dieser Kolumne.

Dieser Text erschien am Samstag, 13. November 2021, als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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