Brot backen für den Seelenfrieden

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz, dass man nicht durch diese Pandemie kommt, ohne sich mindestens ein neues «Hipsterhobby» zuzulegen. Die Auswahl ist gross, sie reicht von Upcycling und Renovationsarbeiten in den eigenen vier Wänden über kreative Beschäftigungen wie Handlettering oder Origami bis zu sportlichen Betätigungen – allen voran die täglichen Yoga-Übungen vor dem Sofa. Besonders breit gefächert ist das Angebot bei den kulinarischen Themen. Genau hier hat es mir auch den «Ärmel inegnoh», wie wir Berner Oberländerinnen zu sagen pflegen. Ich schäme mich ein bisschen, denn von allen Neo-Hobbies, die während dieser Pandemie hoch im Kurs stehen, habe ich mir – nach meinem Empfinden, wenn ich so durch die Facebook- und Instagram-Streams und Stories scrolle – das platteste, klischeehafteste ausgesucht: Ich backe Sauerteigbrot.

Damit aber nicht genug. Ich habe zu meinem selbstgezüchteten ASG (Anstellgut, der Sauerteigansatz aus Roggenmehl und Wasser) bereits eine tiefe, innige Beziehung entwickelt. Es hört auf den Namen «Mathilda» und gedeiht prächtig. Wöchentlich darf «Mathilda» für rund 24 Stunden ihr Exil im Kühlschrank verlassen. Während dieser Zeit entsteht aus der einen Hälfte ein Vorteig, die andere wird brav gefüttert und gepflegt, so dass für die nächste Backaktion genügend Rohmasse zur Verfügung steht. Am Freitagabend wird wacker Sauerteig geknetet und gefaltet, so dass am Samstagmorgen – nach einer 12-stündigen Ruhezeit im Gärkörbchen – ein frisches Sauerteigbrot auf dem Frühstückstisch steht. Dieses Ritual hat sich inzwischen eingebürgert: Ich liebe den Duft von frischgebackenem Brot, der durch die ganze Wohnung zieht, und der erste Biss in den «Mürgel» mit Butter ist einfach der beste. Zelebrierte ich die Backkunst zu Beginn noch still und heimlich, habe ich während den letzten Wochen jegliche Scham verloren. Ich ertappe mich dabei, wie ich die verschiedenen Schritte des Backvorgangs für alle Welt sichtbar in einer Instagram-Story dokumentiere, mit dem Handy von jedem Backgut mindestens ein Foodblog-taugliches Foto schiesse und mich mit Sauerteigfreunden und -freundinnen auf der ganzen Welt via Social Media zu Mehlsorten, Ruhezeiten und zur idealen Ofentemperatur austausche.

Zelebrierte ich die Backkunst zu Beginn noch still und heimlich, habe ich während den letzten Wochen jegliche Scham verloren.

Noch vor wenigen Wochen habe ich über jeden Sauerteig-Hipster peinlich berührt die Nase gerümpft. Wie kann man nur…? Meine Prinzipien schrumpfen analog zur Massezunahme meiner «Mathilda». Ein Trauerspiel. Ich schäme mich meiner selbst – aber ehrlicherweise trage ich lieber den Sauerteig-Virus in mir als die anderen Viren, die momentan kursieren. Wenn ich eine «Güterabwägung» vornehme, so ist die öffentliche Zurschaustellung meines Sauerteig-Fimmels weit weniger tragisch als die Aussagen einiger Mitglieder unserer politischen und wirtschaftlichen Elite, die dieser Tage durch die (sozialen) Medien schwirren. Das Brotbacken hat zudem noch eine weitere gute Seite: Habe ich «kä Luscht» mehr auf all die Diskussionen um Fallzahlen, Übersterblichkeit, Krankenhausauslastung und wilde Verschwörungstheorien selbsternannter Pandemie-Experten, ziehe ich mich in meine Küche zurück und wandle meinen ganzen Groll beim Teigkneten in positive Energien um. Denn: Je mehr der Sauerteig geknetet und gefaltet wird, umso luftiger ist das Brot. Beim ersten Bissen in die dick mit Butter beschmierte Stulle ist der ganze Weltschmerz, der mich derzeit immer wieder heimsucht, fast wieder vergessen.

Dieser Text erschien am Samstag, 28. November 2020, als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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