zukunftsflimmern #1 – a brave new world

tl;dr – Datenschutz und der Schutz der Privatspähre – besonders im Internet – ist wichtig. Unter Zukunftsflimmern kuratiere ich wöchentlich Artikel & Blogbeiträge, über die ich im Wochenverlauf gestolpert bin und die sich mit diesen Themen und den künftigen technologischen Entwicklungen befassen. Das kann mitunter verstörend und beängstigend sein, manmal aber auch verheissungsvoll und zuversichtlich.

Ich lese oft das Netz leer. Gefühlt, jedenfalls. Was mich brennend interessiert und immer wieder aufs Neue verängstigt und verstört, sind Artikel, die sich mit unserer digitalen Zukunft befassen. Und damit meine ich nicht Dinge, wie ein Roboter, der die Wohnung reinigt, oder Hoverboards (btw: weiss man da schon mehr…?). Ich denke an die Datensammelwut der Internetgiganten, die Entwicklungen im Bereich KI/AI (künstliche Intelligenz/artificial intelligence) und unseren sorglosen Umgang mit diesen Technologien. All diese neuen Errungenschaften sind dazu da, uns das Leben zu erleichtern, heisst es. Doch ist das wirklich so? Verkompliziert sich dadurch unser Alltag nicht massiv? Auf einer anderen Ebene?

«Ich habe nichts zu verbergen.»

Ich denke oft über diese Themen nach. Um es gleich vorneweg zu nehmen: Eine gute Antwort auf diese Fragen kann ich nicht liefern. Ich bin mir aber sicher, dass wir uns intensiver mit dieser schnell nahenden Zukunft auseinandersetzen müssen. Gerade wenn es um unsere Daten und somit um unsere Privatsphäre geht. Wir empfangen jede neue Technologie mit offenen Armen, meist ohne uns grosse Gedanken über die Folgen zu machen. Dabei bezahlen wir mit unseren Daten und geben weit mehr preis, als wir möchten oder uns vorstellen können.

Fühlen wir uns bei diesem Verhalten ertappt, kehren wir unser ungutes Gefühl mit dem Satz «Ich habe nichts zu verbergen.» unter den Teppich. Was soll schon gross passieren? Ich gebe meine Daten unbesorgt weiter, meine Freunde tun das und sehrwahrscheinlich auch zahlreiche Menschen, die ich gar nicht kenne. Wir sitzen also, für den Fall das etwas schief gehen sollte, alle im gleichen Boot. Und wir sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Überzahl. Doch haben wir wirklich nichts zu verbergen? Vielleicht verbergen wir ja etwas, dass uns selbst noch gar nicht bewusst ist? Etwas, das clevere Algorithmen aufgrund unseres Surfverhaltens oder unserer Stimme bereits jetzt erkennen können? Vielleicht ist das Boot, in dem wir alle sitzen und uns in Sicherheit wähnen, auch einfach zu klein und kentert. Wer weiss das schon.

Datenschutz ist nicht sexy

Diese Dinge treiben mich um. Ich bin mir bewusst, dass mein Verhalten, wenn es um neue Technologien geht, alles andere als fehlerfrei ist. Ich versuche, wo es geht, meine persönlichen Daten zu schützen. Allerdings auch nur bis zu einem gewissen Grad. Solange es sich mit meinem Alltag verträgt und nicht Unmengen an Aufwand mit sich bringt. Und genau hier lieg das Problem: Meist wird der Schutz der Privatsphäre um ein Vielfaches komplizierter und aufwändiger, je einfacher es ist, eine neue Technologie zu nutzen.

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, braucht es rechtliche Grundlagen. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union ist ein Schritt in die richtige Richtung. Leider ist es nur bedingt ein Schritt vorwärts. Die Bemühungen die Privatsphäre und die Daten der Bürgerinnen und Bürger zu schützen, gleichen nach einer ersten Betrachtung eher einem Ausfallschritt. Es wird sich zeigen, ob die DSGVO wirklich die Interessen der Bevölkerung gegenüber den Internetgiganten wahren kann, oder ob die neuen Bestimmungen bei den Konzernen im Silicon Valley ins Leere laufen und schlussendlich nur die kleinen Fische unter die Räder kommen.

Ein Problem bei der Schaffung von rechtlichen Grundlagen zum Schutz der Privatsphäre ist die kaum stattfindende Diskussion beruhend auf kaum vorhandenem Interesse. Datenschutz ist nicht sexy. Er ist umständlich und oft sind die Vorgänge schwer zu verstehen. Die Technologien, die heute unser Leben prägen, entwickeln sich mit rasender Geschwindigkeit weiter. Am Ball zu bleiben und zu verstehen, was hinter all den Eingabemasken, den praktischen Apps und Services, die wir tagtäglich im Internet oder über unsere Smartphones und Tablets nutzen, steckt, ist schwierig und erfordert Zeit. Es ist viel einfacher, die neuen Technologien in den Alltag zu integrieren und vermeintlich von ihnen zu profitieren: Nach mir die Sintflut.

Sinn & Zweck von Zukunftsflimmern

Das – und die grossen Augen derjeniger, mit denen ich ab und zu über technologische Entwicklungen, Privatsphäre und Datenschutz, diskutiere – haben mich dazu bewogen, die Artikel, die ich unter der Woche zu diesem Thema so lese und die mich in irgend einer Form nachhaltig beeindrucken (ja, es sind tatsächlich mehrere Artikel pro Woche) unter dem Namen Zukunftsflimmern zu kuratieren. Die Linkliste soll einen Augenschein auf die nahende Zukunft ermöglichen, informieren und (hoffentlich) wachrütteln. Wer sich das Wochenende nicht mit Horrorszenarien aus der digitalen Zukunft versauen möchte, den kann ich beruhigen: Es sind immer wieder Artikel dabei, die an das Gute im Menschen glauben und die uns eine glorreiche Zukunft voraussagen, ohne dabei utopisch zu wirken. Zum Glück. Sonst würde ich diese Zeilen wohl mit Alufolie um den Kopf gewickelt, in einem Loch 50 Meter unter der Erdoberfläche in eine Tontafel ritzen. Wo ich es für nötig erachte, leite ich die Artikel mit meinen eigenen Gedanken und Ansichten zum Thema ein. Es kann auch vorkommen, dass ab und zu ein Artikel, der nichts mit dem eigentlichen Thema von Zukunftsflimmern zu tun hat, hier reinrutscht. Einfach weil ich ihn spannend fand.

 

 

Lange Reder, kurzer Sinn: Hier folgend die Links aus der Woche 45 / 2018.

Republik – Unsere Stimme haben sie

Wissenschafts- und Reportagejournalistin Eva Wolfangel liess ihre Persönlichkeit von einem Sprachcomputer analysieren. Der Algorithmus zeichnete nach einem 15-minütigen Gespräch ein recht exaktes Bild ihrer Persönlichkeit. Es gibt bereits jetzt Firmen, die Bewerberinnen und Bewerber im Einstellungsgespräch mit Spracherkennungssoftware einschätzen lassen. Es ist faszinierend, was sich alles aus unserer Stimme heraushören lässt und wie präzise gewissse Vorhersagen sind und es ist beängstigend, was diese Technologien alles ermöglichen könn(t)en…

Den Schluss des Artikels finde ich sehr schön: «Unser Unvermögen [einen Menschen anhand seiner Sprache so einzuschätzen wie das sie Spracherkennungssoftware kann] hat einen Sinn, nämlich den, dass wir anderen Menschen eine Chance geben, anstatt unsere Freundschaften mittels Algorithmen zu optimieren. Dass wir offen sind füreinander. Weil zwischenmenschlicher Kontakt viele Facetten hat und sich nicht berechnen lässt.» Ob uns das nützt, wenn die Technologie gegen uns (und/oder ohne unser Wissen) verwendet wird, weiss ich nicht.


Berner Oberländer / BZ – «Wir sind in die Falle der Überwachungskapitalisten geraten»

Interview mit der emeritierten Harvard-Professorin Shoshana Zuboff. Zuboff erklärt, was den Überwachungskapitalismus ausmacht und dass wir uns ihm entgegenstellen müssen. Gemäss der Philosophin und Sozialpsychologin sind wir nicht das Produkt, sondern vielmehr die frei zugängliche Quelle, das Rohmaterial. Die Überwachungskapitalisten (grosse Unternehmen wie Google und Facebook) beuten uns aus, indem sie unsere Daten verwenden und uns dann wie Kadaver auf der Elefantenjagd zurücklassen. Ein heftiges Bild, das Zuboff hier zeichnet. Sie plädiert für eine Zerschlagung der Datengiganten – oder zumindest eine gesetzliche Grundlage, die hilft, Datenkonzentrationen, wie sie bei Google, Facebook & Co. vorkommen, zu unterbrechen oder zu verbieten.

Zuboff hat eben ein Buch zu diesem Thema herausgegeben: «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus»


Handelszeitung – Versicherungs-Detektive: Datenschutz wäre im Digitalen nötiger

Michael Heim hat recht, wenn er schreibt, dass Datenschutz im Digitalen unbedingt nötig ist. Die Schweiz hat in der Vergangenheit unglückliche Entscheide getroffen. Es ist schon komisch, dass jetzt die gleichen Politker gegen Versicherungsspione weibeln, die vor zwei Jahren Ja zum Nachrichtendienstgesetz (NDG) und zum Fernmeldeverkehr-Über­wachungsgesetz (Büpf) gesagt haben. Aber wenn es um digitale Themen geht, sind unsere Politikerinnen und Politiker mitunter neben der Spur. Es erschliesst sich mir nicht ganz, ob Heim jetzt einfach diese Tatsache nutzt, um kreativ für ein Ja bei der gesetzlichen Grundlage für die Überwachung von Versicherten (Abstimmung vom 25. November 2018) zu weibeln (wir haben ja schon viel Schlimmeres durchgewunken) oder ob es ihm wirklich ein Anliegen ist, dass auch an der digitalen Datenschutz-Front breiter Widerstand erwacht.


Süddeutsche Zeitung – Der Erfinder des Netzes will seine Schöpfung retten

Tim Berners-Lee – der sog. Erfinder des Internets – will das Netz retten. Dazu will er eine Magna Charta für das Internet erstellen (soll im Mai 2019 veröffentlicht werden). Regierungen und Unternehmungen können sich verpflichten, die Grundsätze dieser Charta einzuhalten. Für Berners-Lees Anliegen #fortheweb wollen sich auch Google und Facebook stark machen, die Konzerne haben den Vetrag bereits unterschrieben. Was vordergründig nach grosszügiger Geste aussieht, erweist sich bei genaueren Hinschauen wohl eher als Schutz der eigenen Jagdgründe. Berners-Lee bleibt jedoch optimistisch: «Die Menschen in den großen Konzernen sorgen sich um Wahrheit und Demokratie», sagt er.


Off topic

Berner Oberländer – «Hören Sie auf zu planen!» (lesbar mit Tagespass, CHF 2.00)

Psychologin Rita Raemy gibt im Interview Tipps für notorische Prokrastinierer. Da ich selber grössere Prokrastinationstendenzen aufweise, war der Artikel für mich sehr spannend. Und ich hatte während dem Lesen doch auch öfter ein «Aha!»-Erlebnis.Raemy leitet an der Université de Fribourg Workshops mit dem Titel «Schluss mit Aufschieben! Prokrastination in den Griff bekommen.» für Studentinnen und Studenten.

Hesch öppis z'mälde?



© 2020 | Irene Thali | Interlaken | Realisation: fremdefeder.ch