Von Sprache und Macht

Wenn sie mich fragen, ob die Gleichstellung zwischen Frau und Mann erreicht sei, antworte ich mit einem entschiedenen «Nein». Dass Frauen heute oft noch weniger verdienen als ihre männlichen Pendants, beelendet mich. Dass weitaus weniger Frauen in Führungspositionen tätig sind, finde ich nicht berauschend, verstehe aber, dass da wohl noch andere Hintergründe mitspielen. Dass wir Frauen oft – und ganz besonders im beruflichen Umfeld – unterschätzt werden: Erlebe ich praktisch wöchentlich am eigenen Leib. Was mich aber zur Weissglut bringt, ist die Gleichgültigkeit, mit der wir in unserer Sprache mit den Geschlechterformen umspringen. Keine Sorge, ich halte an dieser Stelle keinen leidenschaftlichen Vortrag über die Binnen-Schreibweise, das Gendersternchen finde ich zum im Dreieck springen und fantasievolle Lösungen wie die X-Form können mir gestohlen bleiben. Die Stilmittel bedienen zwar den Gerechtigkeitssinn – um die Gerechtigkeit per se geht es aber nicht. Solche Schreibweisen verschandeln Texte und machen diese unlesbar. Auch ein einleitendes «In diesem Text ist die weibliche Form immer mitgemeint.» bringt uns nicht weiter.

Wenn sie jetzt schon die Augen verdrehen und sich denken, dass sie diesen «Gender-Gejammere» nicht mehr lesen mögen: Ja, so dachte ich auch. Bis ich bemerkte, dass ich beim Lesen eines Textes komplett den Faden verliere, nur weil ohne Vorwarnung die weibliche Schreibweise eines «typisch männlichen» Berufs auftaucht, etwa Astronautin. Zwei Buchstaben unterscheiden dieses Wort von der gängigen Schreibweise, zwei Buchstaben, die eine solche Kraft haben, dass sie eine Vielleserin wie mich völlig aus dem Takt bringen. Dabei ist es in meinem Weltbild absolut normal, dass Frauen ins All fliegen.

Geht es ums geschriebene und gesprochene Wort, sind wir von Gleichberechtigung etwa gleich weit entfernt wie die Erde vom Mond. Sprache ist überall: Der kurze Schwatz mit der Arbeitskollegin an der Kaffeemaschine, das Gespräch unter Freunden, die morgendliche Zeitungslektüre oder all die anderen Textfragmente, die unsere Blicke im Alltag streifen. Sprache ist Macht. Worte sind schärfer als jedes Schwert. Wenn wir uns verletzt fühlen, dann ist in den meisten Fällen nicht ein Handgemenge Auslöser der Schmerzen, sondern eine unbedachte oder bewusst bösartige Bemerkung. Gleiches funktioniert im Positiven: Sprache schafft Freundschaften, verbindet Menschen, schenkt Vertrauen, überzeugt. «Wähle deine Worte mit Bedacht: Bedenke stets der Worte Macht», lautet ein treffendes Sprichwort. Sprache inkludiert oder schliesst aus. Der totale Verzicht auf die weibliche Schreibweise – oft aus Bequemlichkeit – schliesst Frauen kategorisch aus. Das fällt zwar auf den ersten Blick nicht auf, überträgt sich aber auf das Denken und Handeln. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Als Gegenmassnahme zu diesem Missstand dem Patriarchat einen Pflasterstein in die Fresse zu schmeissen, mag befriedigen, hilft aber nicht. Vielmehr finde ich es wichtig, dass wir unseren Worten mehr Bedacht schenken, auch mal die weibliche Form einfliessen lassen – im Geschriebenen wie im Gesprochenen. Aus Erfahrung kann ich ihnen sagen, dass man damit Erstaunen und teils Entsetzen erntet, weil sich die meisten Menschen eine plötzliche Feminisierung der Sprache nicht gewohnt sind. Langfristig verändert sich dabei auch das eigene Denken – und Polizistinnen, Metzgerinnen oder Fussballerinen scheinen genau so alltäglich wie Sekretäre, Kosmetiker und Raumpfleger.

Dieser Text erschien am Samstag, 22. Februar 2020 als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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