Rameler Adventsnostalgie

Heute will ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nicht mit den Stolpersteinen und Ärgernissen, die die digitale Welt, die sozialen Netzwerke oder der touristische Dichtestress in «Rameli» und Umgebung mit sich bringen, quälen. Die Adventszeit rückt voran, Weihnachten und der Jahreswechsel stehen in Kürze an. Vielleicht werde ich deswegen ein bisschen nostalgisch. Die «schiss heiligi Zyt» (Zitat Hans Thali selig) und die zahlreichen Festivitäten vor, während und nach dem Jahreswechsel, haben durchaus ihren Reiz und auch ich kann mich dem kaum entziehen.

Wem die Festtage zu ruhig sind, der ist im Berner Oberland Ost an der richtigen Adresse! Diverse Weihnachtsapéros, Weihnachtsmärkte, Konzerte und Brauchtum – etwa die schlaflose Altjahrswoche im Hasli oder die mehr oder weniger «gfürchige» Harder-Potschete: Ein «Chäferfescht» jagt das nächste. Besonders auf dem Bödeli wird gefeiert, was das Zeug hält. Das ist sicher auch dem Tourismus geschuldet – wurden die Festivitäten in den vergangenen Jahren doch immer grösser und internationaler – aber wir «Bödeler» scheinen von Natur aus «Festhütten» zu sein. Seit ich denken kann, ging es während den Feiertagen hoch zu und her.

Während vor nicht allzu vielen Jahren die Vorfreude auf Weihnachten, Silvester und – als Interlaknerin – auf den 2. Jänner noch alle anderen Gefühlslagen übertünchen mochte, stehe ich heute dieser Zeit mit gemischteren Gefühlen gegenüber. Keine Sorge, eine Weihnachtsdepression ereilt mich deswegen nicht… Ich werde jedoch öfter nostalgisch. Etwa, wenn ich am 24. Dezember am Hotel Splendid vorbeilaufe und dort statt in das bis auf den letzten Platz gefüllte «Buddy’s Pub» in eine Uhren-Auslage blicke. Oder weil am 25. Dezember nach dem Festschmaus die Nachtruhe und nicht mehr die legendäre Party im «Johnny’s» ansteht. Am meisten fehlen mir aber «Bären» und «Löwen» in meiner Nachbarschaft. Auch wenn in den letzten Jahren die Bezeichnung «Hotel-Restaurant» bei beiden Gebäuden etwas übertrieben war. «Ghütt» traf es da schon eher; aber ob all des bröckelnden Putzes, der undichten Wasserleitungen und der unliebsamen, pelzigen Gäste mit Knopfaugen, herrschte eine Atmosphäre der Geborgenheit. Die Zeit um Weihnachten und zwischen den Jahren ist für mich voller Erinnerungen an Menschen, Orte und Festivitäten, die heute nicht mehr (so) sind. Kurz: Der Missstand, dass Persönlichkeiten und Dinge plötzlich fehlen, wird mir besonders während dieser vom familiären Miteinander und von zahlreichen sozialen Aktivitäten geprägten Tage sehr bewusst. Vielleicht ergeht es ihnen ähnlich.

«Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.» Dieser Satz von Dietrich Bonhoeffer begleitet mich seit einigen Jahren durch diese Zeit. Besonders wenn ich in eine nostalgische Festtagsdepression abzurutschen drohe. (Bonhoeffers Geschichte erspare ich ihnen an dieser Stelle – googeln sie selber, der Mann wusste, wovon er spricht.) Jammern bringt die vergangene Zeit nicht zurück. Sie aber als Geschenk anzusehen und sich gerne daran zu erinnern, vertreibt den Festtagskater. Zudem schaffen all die tollen Anlässe, an denen man auch an fast jeder Ecke auf Einheimische trifft und in fröhliche Gesichter blickt, neue Erinnerungen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wundervolle Weihnachtstage und einen spektakulären Jahreswechsel mit viele neuen Erinnerungen, Festivitäten und Begegnungen, die Sie künftig wie ein kostbares Geschenk in sich tragen können.

Dieser Text erschien am Samstag, 14. Dezember 2019 als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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