Nimm das, Wissenschaft!!

Das Internet hat uns so manche Errungenschaft gebracht. Den Weg zu einer fortschrittlichen Diskussionskultur und einem offenen Meinungsaustausch, der bestenfalls den eigenen Horizont erweitert, hat es uns aber nicht geebnet. Einige haben zwischen Facebook-Posts, Twitter-Updates, Instagram-Stories und Kommentarspalten schlicht die Abzweigung verpasst. Was haben wir gelacht, als ein Mann mit orangen Haaren vor etwas mehr als drei Jahren erstmals den Begriff «alternative Fakten» als Euphemismus für Lügen genutzt hat. Wenn ich mich heute in die Abgründe des Internets begebe (Kommentarspalten von Online-Magazinen und sozialen Medien), bleibt mir das Lachen im Hals stecken. Alternative Fakten sind salonfähig geworden. Etwas, worüber vor gefühlt kurzer Zeit mehr als die halbe Welt gespottet hat, ist ein fixer Bestandteil unseres Alltags. Echte Fakten, Fortschritt und wissenschaftliche Erkenntnisse? Ei, woher!

Eine Mutter erklärt auf Facebook, dass die Farbenblindheit ihrer Tochter damit zu begründen sei, dass sie bald Seelen sehen werde. Ein Arztbesuch ist wirklich nicht nötig. Ein Berliner Anwalt filmt, wie er zu Hause das Archimedische Prinzip nachstellt und erklärt der ganzen Welt via Twitter, soeben am Küchentisch wissenschaftlich bewiesen zu haben, dass schmelzendes Eis nicht den Meeresspiegel steigen lässt. Leider hat er dabei mindestens drei wissenschaftliche Fakten ausser Acht gelassen, die seine Schlussfolgerung komplett widerlegen. Schenken wir all den Pseudowissenschaftlern und selbsternannten Aufklärern, die im Netz ihre Meinung öffentlichkeitswirksam rausposaunen, Glauben, werden wir auf unserer Scheibe schon lange von Reptiloiden regiert (die könnten wenigstens unter Wasser atmen, sofern sich der Anstieg der Meeresspiegel tatsächlich bewahrheiten sollte). Nimm das, Wissenschaft! Haben all die Wissenschaftler, Mediziner und Visionäre in den letzten Jahrhunderten tatsächlich nichts anderes geleistet, als die gesamte Menschheit auf den Holzweg und hinter das Licht zu führen?

Während man früher die Zeit fand, eine Erkenntnis auf dem Weg zur Kneipe zu überdenken und gegebenenfalls für sich zu behalten, trötet man diese heute in Windeseile mit einem Klick in die ganze Welt hinaus. Unter der Angst, sich vor seinen Freunden und Kollegen als totaler Depp zu outen, leiden im Internet nicht alle. Auch weil sich dort immer Gleichgesinnte und «Feinde» finden, die mithelfen, das eigene Weltbild zu zementieren. Und ist das Gegenüber nicht mit Argumenten oder Meinungen zu überzeugen, kann man es immer noch beschimpfen oder das Thema vom Apfel aufs Nilpferd wechseln. Die Diskussionskultur verroht, das aktive Zuhören, beziehungsweise mitlesen, ist in Kommentarspalten und sozialen Medien verpönt. Fakten und Meinungen werden noch öfter verwechselt als Wetter und Klima.

Dabei öffnet uns das Internet Tür und Tor zu einer ausgewogenen Sichtweise und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Fakten (auch alternative) zu überprüfen, ist mit Google und Co. schnell möglich. Dennoch tut es kaum einer. Jeder glaubt, was im Internet herumgereicht wird, solange es der eigenen Meinung entspricht. Tut es das nicht, dann ist es eine unzuverlässige Information, die ja nur aus dem Internet kommt.

Ich wünsche mir, dass wir alle wieder mehr zuhören respektive aktiv mitlesen, und Argumente prüfen und überdenken – nicht nur die der anderen, sondern auch unsere eigenen. Wenn ich mir die heutige Jugend anschaue, wie sie sich über wissenschaftliche Fakten informiert, sich engagiert und Diskussionen führt, bin ich sehr zuversichtlich.

Dieser Text erschien am Samstag, 5. Oktober 2019 als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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