Ich, die «Nörgelrentnerin»

Ich bin vor kurzem 39 Jahre alt geworden. «Junge Schnuufer», mögen sich jetzt einige von Ihnen denken, «alti Chischte» andere. Statistisch gesehen, erreiche ich bald die Lebensmitte – liegt die Lebenserwartung in der Schweiz bei etwas mehr als 80 Jahren. Geht man von den etwas detaillierteren Annahmen des Bundesamtes für Statistik und einem gesunden, unspektakulären Lebenswandel aus, habe ich, während ich mich (noch) in meinen Dreissigern befinde, noch fast ein halbes Jahrhundert an Lebensjahren vor mir. Ganz schön viel, «u de gliich…» Bis vor kurzem habe ich mir keine Gedanken über das Alter als Zahl gemacht, nicht bei mir und schon gar nicht bei meinen Mitmenschen. «Age ain’t nothing but a number» oder «frau ist so alt, wie sie sich fühlt», lautete die Maxime. Die erste «grosse Hürde», der 30. Geburtstag, ist spurlos an mir vorübergegangen. Das erste graue Haar? Nicht der Rede wert. In meinem Kopf blieb ich für immer 21 – auch weil mich diese Zahl seit meinem Kindergarten begleitet und ich nur Gutes mit ihr verbinde: Es war im bereits «Chindsgi» mein «Nümmerli» auf dem Kleiderbügel und dank der Zahl 2121 habe ich mal im Loeb mit zarten 15 Jahren bei einem Wettbewerb 1000 Stutz gewonnen. Ein Vermögen für einen Teenager. Bis kurz vor meinem letzten Geburtstag war ich auch felsenfest davon überzeugt, dass sich an meiner Haltung zum Alter absolut nichts ändern wird. Vielmehr: Ich habe keinen einzigen Gedanken daran verschwendet.

Nun bin ich 39 und quasi über Nacht hat mein Unterbewusstsein beschlossen, dass es jetzt langsam, aber sicher an der Zeit wäre, sich mal intensiver mit der fortschreitenden Anzahl an Jahresringen auseinander zu setzen. Mein Selbstbild hat sich verändert. Mit «forever 21» ist spätestens beim ersten Blick in den Spiegel Schluss und dass mich im Alltag vermehrt «Gleichaltrige» mit einem höflichen «Sie» ansprechen, kann ich nicht mehr ignorieren. Im Alltag ertappe ich meine innere Stimme des Öfteren, wie sie mir zuraunt: «Hey, mit fast 40 brauchst du dir das nicht mehr gefallen zu lassen!» und ich merke, wie ich langsam, aber sicher «gesellschaftsuntauglich» werde. Beispiel gefällig? Lautes Gebrüll vor meinem Schlafzimmerfenster inmitten der Nacht? Erstens kriege ich das seit ein paar Monaten tatsächlich mit und zweitens bringt es mich Rage. So richtig auf den Boden der Tatsachen geholt, hat mich aber die Aussage meines Arztes, der meinte: «Tja, mit dir ist alles in Ordnung, du wirst jetzt einfach alt.»

Von einer Midlife-Crisis bin ich (laut eigenen Aussagen) noch weit entfernt. Grund zu jammern habe ich auch keinen. Noch einmal 21 sein? «Um Himmels Wille, nei!» Ich bin einfach nach wie vor erstaunt und etwas verwirrt, wie hinterlistig die Alterskeule plötzlich hinter einer Ecke hervorgelugt und mir mit aller Heftigkeit eins über den Schädel gebraten hat. Momentan befinde ich mich in der Eingewöhnungsphase, aber im Grossen und Ganzen gefallen mir meine erst eben entdeckten Eigenschaften als «Nörgelrentnerin mit bald 40». Meine neugewonnenen «Superkräfte» wie ohne schlechtes Gewissen «Nein» zu sagen, ohne Scham unbequeme Fragen stellen und öfters mal «äs Füfi lah grad si», besonders im Umgang mit mir selbst, versuche ich derzeit zu perfektionieren. Und wenn wieder mal jemand sehr erstaunt oder ungehalten auf ein bislang weniger bekanntes Verhaltensmuster von mir reagiert, antworte ich ihm oder ihr einfach ganz nonchalant: «Tja, es liegt nicht an dir, ich werde jetzt einfach alt.»

Dieser Text erschien am Samstag, 19. September 2020 als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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