Fussball-Emotionen & ich? Niemals!

Meine Beziehung zu Fussball und dem damit verbundenen Fantum ist kompliziert. Je mehr ich mich in der Vergangenheit bemühte, einen Klub zu unterstützen, umso weniger gelang es mir. Da mochten die Resultate meines auserwählten Vereins noch so gut sein.

Vielleicht lag das an meiner eher schwierigen «Sozialisierungsphase» in Sachen Fussball. Von meinem Vater wurde ich sanft, aber bestimmt in – seiner Meinung nach – fussball- und fantechnisch korrekte Bahnen gelenkt. Aus mir unerklärlichen Gründen war mein Vater GC-Fan, was mir einige lebhafte Kindheitserinnerungen bescherte: Besonders die Familienzwiste rund um den Cupfinal sind hängengeblieben. Zweimal – 1988 und 1994 – traf GC am Pfingstmontag auf den FC Schaffhausen. Da meine Mutter gebürtige Schaffhauserin war, wurde unser Familiensofa in zwei Fanlager unterteilt. Klein-Irene zweifelte damals zum ersten Mal intensiv ihre Vereinswahl an, denn es war komisch, vor dem Fernseher gegen die eigene Mutter anzubrüllen. GC fühlte sich irgendwie falsch an, aber der FC Schaffhausen? Das schien mir auch nicht vielversprechender.

Meine späteren Fussball-Schwärmereien waren meist eng mit meinem Umfeld verknüpft. Die im Fussball oft hochgelobten Emotionen blieben bei mir jedoch aus. Wenn meine Kollegen in frenetischen Torjubel verfielen oder in Tränen ausbrachen, ging ein wichtiger Match verloren, sorgte das bei mir höchstens für ein Lächeln respektive Schulterzucken. Ich beschloss also, aus Prinzip keine Mannschaft mehr zu unterstützen. Ich hängte dieses «Fussball-Fantum» an den Nagel, denn ich verstand es nicht. Mit dieser Entscheidung fühlte ich mich befreit. Ich und Fussball-Emotionen? Das klappt nie.

Dann kam der FC Thun Berner Oberland.

Seit dem letzten Jahr bin ich regelmässig beruflich und privat in der Stockhorn Arena zu Gast. Zuvor besuchte ich hin und wieder ein Spiel der Thuner, freute mich an deren Siegen oder nahm allfällige Misserfolge zur Kenntnis. Emotional wurde ich dabei nicht. Daran würde sich auch mit meinem Engagement nicht viel ändern.

Dachte ich. Dann erwischte es mich eiskalt. Letzten Herbst, weit vor Cupfinal-Qualifikation und Ligaerhalt. Das «Fantum» hat sich durch die Hintertür eingeschlichen. Mit jedem Spiel, jedem Anlass und vor allem jedem Menschen, den ich hinter den Kulissen beim FC Thun Berner Oberland kennenlernte. Das Ganze gipfelt inzwischen darin, dass ich vor wichtigen Spielen unangenehm nervös bin und vor lauter Anspannung kaum zusehen kann. (An den Cupfinal vom Sonntag mag ich noch gar nicht denken. Ich werde mir vorsorglich ein Fläschchen Baldrian-Tropfen einpacken.)

Am Mittwochabend sass ich vor dem Fernseher und kaute mir die Fingernägel wund. Bis zum erlösenden Tor (welches zwar der FC Sion «für Thun» geschossen hat). Mission Ligaerhalt, die Pflicht: Check! Nun folgt am Sonntag die Kür: Cupfinale in Bern! Ja, ich träume vom «Chübu», den Sorgic, Glarner, Ferreira und Co. hoffentlich Morgen auf den Rathausplatz mitbringen.

Entgegen all meiner Erwartungen: Ich bin Fan. Ich fühle mich erstaunlich wohl damit, auch wenn ich noch immer in der Angewöhnungsphase stecke. Mein «Fantum» bezieht sich aber nicht allein auf die 1. Mannschaft, sondern auf den Verein als Ganzes: Allen – ob Angestellter, Helferin, Mitglied, Saisonkartenbesitzerin oder treuer Fan – die dafür sorgen, dass die unglaubliche und nicht immer ganz einfache Geschichte des FC Thun Berner Oberland weitergeschrieben wird, gehört mein Respekt. Wir Berner Oberländer haben einen Super League Club, alleine das ist eine famose Sache. Egal, ob man in Interlaken, Gstaad, Meiringen oder Thun beheimatet ist. Das sollten wir viel öfter feiern (zum Beispiel am Sonntag, ab 17.00 Uhr, auf dem Rathausplatz in Thun), «Chübu» hin oder her!

Dieser Text erschien am Samstag, 18. Mai 2019 als Kolumne im Berner Oberländer / Thuner Tagblatt.

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